Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
mousse c’houkin klingt, wenn Sie es französisch aussprechen, ziemlich deliziös. Was wie der Name einer luftigen Schokocreme über die Zunge rutscht, ist ein mit hartem „ch“ am hinteren Zungenrücken reibendes Wort aus dem Keltischen. Ein Sprachentdecker hat einst das sächsische Motschekiebchen für Marienkäfer aus dem „heidnischen“ Relikt hergeleitet, das so viel wie Mooshocker im Wald bedeutet. Andere verorten Motschekiebchen auf der Wörterweide kindersprachlicher Kosenamen und geben Muhkuh oder Kälbchen als Bedeutung an. Wie sich die Ähnlichkeit mit dem Kalb erklärt, fragt man sich. Ist dem Käfer ja ureigen, dass er im jungen Frühling auf sonnigen Moospolstern sitzt. Ob die Kelten vom Glauberg in der Wetterau ein entsprechendes Wort für das jahrtausendealte Symboltier mit Bezug zu Sonne und Glück hatten, wird im Dunkeln bleiben. Zurzeit führen die jüngsten „Nachsiedler“ vom Glauberg, die Forscher:innen der Keltenwelt, im Licht aktualisierter Erkenntnisse die archäologischen Funde und Befunde aus den letzten Jahrzehnten in einer Gesamtauswertung zusammen. Ziel der auf drei Jahre angelegten Aufarbeitung ist die vollständige Publikation und digitale Edition von rund 5000 Einzelobjekten. Eine Sonderausstellung soll zum Projektabschluss den Glauberg unter neuen Perspektiven präsentieren. Vielleicht werden wir eines Tages noch mit einem eisenzeitlichen „Sonnenkalb“ vom Glauberg überrascht. Das „Sonnenpferd“ könnte schon gefunden sein.
In Käferrot, Schokoladenbraun und leuchtenden Farben zeigt Tina Herchenröther in ihren Bildern all das, was einen glückhaften Menschen, aber auch ein glückhaftes Beziehungsgeschehen ausmacht und somit den Kern eines solidarischen Miteinanders. Die Malerin und Zeichnerin nimmt das vielfältige Lieben in den Blick sowie nicht genormte Körperbilder oder üppige Speisen – lebenspralle Bildmotive, mit denen Tina Herchenröther die Kunst der Selbstliebe und der Selbstbestimmung humor-, lustvoll, mitunter drastisch zelebriert. Ein Künstlerheft mit ihren Arbeiten hat das Atelier Goldstein herausgebracht. „Fröhlich sein“ ist bei Thomas Bayrle Appell, Haltung und Kunstprinzip: Das einzelne Teilchen im dominanten Raster hat wie das Individuum in einer gefestigten Ordnung die prinzipielle Möglichkeit zur Freiheit, dazu, kollektiv zu schwingen und dabei abzuweichen – darauf verweist der Frankfurter Künstler in seinen „Superform“-Kompositionen und auch mit Worten. Seine künstlerische Analyse moderner Pop- und Massenkultur präsentiert die Schirn Kunsthalle zurzeit in der ehemaligen Dondorf Druckerei.
Schokoladiges macht zuverlässig glücklich, allzumal in Käferchenform. Einen Glücksbringer à la mousse c’houkin, süß-schmelzend oder zart-herb, können wir von dieser Stelle aus nicht bieten. Mit Freude lassen wir Ihnen darum die von Thomas Bayrle geliehenen Worte als Frühlingsgruß auf Papier zufliegen: „Glücklich sein, fröhlich sein – alles Gute!“
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit unserer ersten Ausgabe in diesem Jahr.
Ihre Eva Claudia Scholtz
Geschäftsführerin der
Hessischen Kulturstiftung
















