Léo Maillet im Jüdischen Museum Frankfurt

„In einen merkwürdigen Zustand bin ich während meines Hirtendaseins geraten. Er kam über mich, wenn ich mit meiner Herde hoch ins Gebirge zog. Es war ein sich höher schwingendes Lebensgefühl, ein unruhiges, prophetisches Übergefühl, als müßte ich etwas aussagen, ausrufen, auspredigen, eine Überfülle … von was? (…) Die Zeit schien zeitlos. Das breite, ausholende Schreiten über Gestein und Gestrüpp, aufwärts zur Höhe unter blauem Gewölbe über mir.“ Das sind nicht die Worte eines Dichters, der in erhabener Stimmung die lichterfüllte Atmosphäre eines zeitlosen Arkadiens gefunden hat. Es ist die Erinnerung eines Verfolgten, Léo Maillets, der als Jude in existenzieller Gefahr und auf der Flucht gewesen ist. Sein Hirtendasein in den Cevennen 1943 war ein Leben in Tarnung, die wild-idyllische Natur ein gefährdeter Zufluchtsort. Die Entfernung von der Außenwelt in die Abgeschiedenheit, in der er den mythischen Idealzustand des Menschen in Freiheit und Glück verspürte, steht in poetischem Gegensatz zur erzwungenen Ferne von Nazideutschland und seiner Geburtsstadt Frankfurt. Hier war er Meisterschüler von Max Beckmann an der Städelschule gewesen, hatte man ihn für seine Arbeit ausgezeichnet und wenig später Werk und Atelier zerstört. Hier begann 1934 die zehn Jahre währende Flucht von Léo Maillet, der im Exil seinen Namen Leopold Mayer ablegte. Flucht bedeutete für den verfemten Künstler Getriebenheit und Erfahrung mit dem Abgrund: mit der erlebten Unmenschlichkeit in den Internierungslagern, auch physische Versehrtheit infolge eines Sprungs aus dem fahrenden Deportationszug nach Auschwitz. 

Text von Alexander Kaczmarczyk

 

Jüdisches Museum Frankfurt

Erwerbung: Werke von Léo Maillet (1902–1990)

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