„Die Sphäre der Kunst ist für mich viel ambivalenter (als die der Politik), und sie gibt mir die Möglichkeit, auch Zweifeln und Verzweiflung Raum zu geben, was ich menschlich wichtig finde, aber auch als politisches Moment begreife. (…) Im Laufe der Zeit (ist für mich) ein Hybrid aus diesen unterschiedlichen Sphären entstanden (…), ich kann sie nicht trennen und möchte das auch nicht. (…) Da diese Empfindungen in gesellschaftlichen Schieflagen entstehen, im permanenten Scheitern, in der Erfahrung von Zermürbung oder der von Ausgrenzung.“
Dieses Zitat von Parastou Forouhar stammt aus einer Gesprächsrunde, die zum Ende ihres Fellowships am Gutenberg-Forschungskolleg an der Kunsthochschule Mainz stattfand. Dort leitete sie von 2019 bis 2024 im Rahmen einer außerordentlichen Professur eine Klasse, in der es um Lehre, Widerstandsformen und Kunst ging. Was damals gesagt wurde, ist abgedruckt in dem 2025 publizierten Katalog wie? wieder widerSTAND! Er versammelt Texte von und über Parastou Forouhar, aber auch Material zu ihrem politischen Engagement. Aus einem dieser Texte, einer 2024 beim Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler im Haus am Dom in Frankfurt am Main gehaltenen Rede, stammen die im Folgenden zitierten Passagen.
„Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie drängt mich in ein Dilemma, das nicht nur meins und auch nicht nur iranisch ist. Es ist eine Zwickmühle zwischen der Wahrnehmung der Realität, die ein harmonisches ,In-der-Welt-sein‘ nicht zulässt, und gleichzeitig der Sehnsucht nach Harmonie, die fortbestehen will. Es wirft Fragen auf, die immer wieder das Dilemma vor Augen führen. (…) Meine künstlerische Arbeit begreife ich als einen Raum, den ich öffnen kann, um das angesprochene Dilemma anzuschauen, zu reflektieren und zu veranschaulichen.“
Parastou Forouhar kam 1962 in Teheran zur Welt. Ihre Eltern waren oppositionelle Politiker, die sich während der Herrschaft des Schahs und des 1979 installierten Mullah-Regimes für Freiheit und Demokratie engagierten. Am 22. November 1998 wurden Dariush und Parvaneh Forouhar von Agenten des Geheimdienstes in ihrem Wohnhaus ermordet. Damals lebte Parastou bereits in Deutschland, wo sie an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main ein Aufbaustudium absolvierte und sich als freie Künstlerin etablierte. Sie reist seitdem regelmäßig in den Iran, um die Aufklärung des Verbrechens einzufordern.
„Dieses Ereignis markiert eine Zäsur in meinem Leben. Das Verbrechen rief mich zurück in das Land, das ich glaubte, verlassen zu haben. (…) In der Arbeit Dokumentation zeige ich meine von Deutschland aus geführte Korrespondenz, die übersetzten Korrespondenzen, die ich mit den iranischen Justizbehörden geführt habe, aber auch Zeitungsartikel, (…), rechtsmedizinische Berichte und viele weitere Dokumente. (…) Die Arbeit spiegelt den ununterbrochenen Prozess eines Widerstands wider (...). Sie ist stets gewachsen und gleicht immer mehr einem Labyrinth ohne Ausweg.“
Der Schmetterling ist eines der einprägsamsten Motive im künstlerischen Werk von Parastou Forouhar. Er symbolisiert in der persischen Literatur das Moment der Schönheit, kann aber auch für Veränderung stehen. Das persische Wort für Schmetterling ist Parvaneh; der Vorname der Mutter der Künstlerin. Die jeweilige Version, die Farbe und Form des Schmetterlings, ist Ereignissen gewidmet: dem Tod der Eltern, der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Die Muster sind symmetrisch angelegt. Sie erinnern an ein Ornament.
„Ornamente sind Abstraktionen, die das Profane in einem idealisierten Zustand überhöhen und dem Betrachter eine sinnliche Erfahrung harmonischer Formen ermöglichen. (…) Die suggerierte Makellosigkeit des Ornaments ist verführerisch und seine ästhetische Nähe zum Dekor täuscht eine einfache Lesbarkeit vor. Ich setze diese Verführung bewusst ein (…); das Ornament duldet keine Abweichung. Es bietet mir eine Bildsprache, um Machtstrukturen darzustellen, in denen Figuren in Rollen gedrängt werden und die Spirale der Gewalt endlos fortgesetzt wird, wobei Macht und Ohnmacht untrennbar miteinander verwoben sind.“
Parastou Forouhars Werk spiegelt auch die Erfahrungen einer Immigrantin. Das Gefühl der Fremdheit steht im Widerstreit mit ihrem Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland und seinen demokratischen Werten. 1995 entstand die erste Version ihrer Written Rooms. Die „geschriebenen Räume“ aus persischen Schriftzeichen provozieren die Frage, was da geschrieben steht, ob es sich womöglich um Aufrufe zu politischen Aktionen handelt, wie sie anonym auf Mauern gesprüht werden. 2020 nahm tatsächlich ein Beamter in Chur ihre Arbeit auf dem Vorplatz eines staatlichen Gebäudes mit Hilfe einer Drohne auf. Es handelte sich in diesem Fall um eine sinnfreie Lautmalerei.
„Written Rooms sind Erinnerungsräume. Die Erinnerung an die Schrift meiner Muttersprache. Die Arbeit stellt eine ambivalente Erfahrung dar: wie eine Befreiung aus der Umarmung der muttersprachlichen Kultur, der ich mich versichern will, um mich ihr zugleich zu verweigern. Gleichzeitig ist die Arbeit ein spielerischer Umgang mit der Doppelbödigkeit einer kulturellen Fremdheit. (…) Schriftzeichen werden hier zu Bildzeichen, die sich in Ornamente verwandeln und neue Zusammenhänge erschließen.“
Text von Carmela Thiele