WORLF

Im Netzwerk konzipiert

Arbeiten von Daniel Stubenvoll

„Auf einmal stand ich in einer trüben Gegend. Dort hinten, direkt gegenüber der Rolltreppe zur U-Bahn war bisher eine grosse weisse Wand mit Werbung für ein schnelles Auto. Jetzt war dort nichts. Auch hinter mir war nichts, als ob die Rolltreppe die ich gerade an die Oberfläche genommen hatte niemals da war.“

 

Der Protagonist in Daniel Stubenvolls englisch-deutscher Kurzgeschichte WORLF (2024) findet sich in einer Welt wieder, die wie eine schlechte Kopie der echten scheint. Zunächst suggeriert die Beschreibung eines Einkaufscenter-Besuchs aus der Ich-Perspektive Normalität. Der Aufenthalt in einem Café, ausgestattet mit kitschigen Kerzenständern, weißen Tischtüchern, Leonardogläsern und einem fotorealistischen Gemälde mit Goldrahmen, gepaart mit dem Schlürfen eines Smoothies, bilden den Inbegriff zeitgenössischer Mittelmäßigkeit. Die Hauptfigur versucht vergebens, Kontakt zu den anderen Menschen aufzubauen. Es folgt eine Einordnung der Erzählung durch die Metaperspektive, die zugleich die Geschichte weitererzählt und kulturelle Vergleiche zieht. Im letzten Teil der Geschichte verschwindet nach und nach die Infrastruktur, dann die Architektur und schließlich die gesamte gewohnte Umgebung des Ich-Erzählers – samt einiger Menschen: 

 

„Die wenigen, die noch da waren, schienen nach etwas zu suchen. Einige bauten Notunterkünfte indem sie Lagerregale zusammen schoben oder sie lagen einfach auf dem Boden und schliefen.“

Daniel Stubenvoll arbeitet medienübergreifend in Fotografie, Video und Installation. Seine jüngsten Arbeiten aus der Serie In ruins (2025) wirken zum Teil wie Gemälde. Ihr Bildträger besteht aus Jute und Mesh auf Keilrahmen. Die Werke werden mit etwas Abstand zur Wand befestigt, so erwecken sie den Anschein, im Raum zu schweben. Die weiße Farbe und die minimale Bildsprache, changierend zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, unterstreichen die entstehende Eleganz und Leichtigkeit. Dass die Bilder dennoch den Charakter einer Installation haben, liegt an ihrer sorgfältigen Zusammenstellung und an den abgrenzenden Elementen, mit denen der Künstler die meisten Werke versehen hat. Die Gemälde tragen Markise, Sichtschutz und Untergestell. Bildmotive sind subtil angedeutete Tore, Säulen oder Fenster. Damit nehmen sie – wie viele von Daniel Stubenvolls Arbeiten – sowohl im Motiv als auch in ihrer Form Bezug auf Architekturen. 

 

Die Arbeiten reflektieren den „quick fix“: die Handhabung schnell mit (digitalen) Hilfsmitteln eine möglichst gute Lösung zu finden. Diese aus dem Silicon Valley stammende Praxis hat sich längst auf die Architektur und den Städtebau übertragen – getreu dem Motto: Es gibt keine Probleme, sondern nur Herausforderungen, die mit leichten Anpassungen und Verbesserungen gemeistert werden. Fehler bleiben so verborgen und das System intakt. In der Serie In ruins übermalt Stubenvoll fast alle Arbeiten mit handelsüblicher Wandfarbe. Sie überdeckt den gesamten Bildraum und hält zugleich wie Klebemittel die verschiedenen Materialschichten zusammen: die vorgrundierte Leinwand, Jute, Wachspapier und Kunststoffmesh. Als Unterfläche oder Rahmung dient Holz, Wellpappe oder ein Guss aus Polymercompound. 

Daniel Stubenvoll konzipiert seine Arbeiten meist in Serien, die ein Netzwerk untereinander bilden – jedes neue Werk erhält durch die vorangegangenen eine tiefere Dimension. Die Serie In ruins mithilfe der Erzählung von WORLF gelesen, ergibt eine erschreckende Gegenwartsdiagnose: Die weiße Wandfarbe spiegelt den neoliberalen Anstrich unserer Gesellschaft, der sich zunehmend mit dem Faschismus verbindet. Der Purismus übertüncht die Architektur, ihre Geschichte, ihre Symbolik, unsere Kultur – und letztlich unseren Sinn. „In ruins“ our world is becoming „WORLF“.

 

„Auch die Strassen waren fort. Die Laternen auch. Es schien aber, als ob deren Lichtkegel noch sichtbar wären. Ich ging vorwärts, ich hoffte dass sich die Lage dadurch erklären würde. Oder zumindest verändern könnte.“

 

Die Zitate stammen aus WORLF (2024), Artist Zine von Daniel Stubenvoll, erschienen in einer blauen und roten Edition.

Back to overview

Do you have questions about the Hessische Kulturstiftung grant programme? Feel free to contact us!

N.N.
International grant programme