Eigentlich hätte der Atelierbesuch in Istanbul stattfinden sollen, wo Robert Schittko 2025 ein Residenzstipendium der Hessischen Kulturstiftung antrat. Doch die Arbeit, die dort begann, nimmt erst jetzt richtig Form an. Wir treffen den Künstler in der Höchster Porzellanmanufaktur, wo er seit einigen Wochen eine viermonatige Residenz absolviert – während bei MARS Frankfurt, der von ihm mitgegründeten Atelier- und Ausstellungsplattform, schon die eingepackten Arbeiten für seine nächste Ausstellung warten.
Auf dem Werktisch in Höchst stehen Vasen und figürliche Arbeiten aus Porzellan, alle aus denselben Gussformen, jede an einem anderen Punkt im Prozess: einige gebrannt, andere noch roh, manche bereits glasiert. „Genau diese Mischung aus fertigen und noch offenen Prozessen beschreibt meine Arbeit im Moment ganz gut“, sagt Schittko. Porzellan ist derzeit sein wichtigstes Material, und es ist für ihn ein neues. Bislang hat er vor allem mit Steinzeug gearbeitet; in der Manufaktur lernt er Formbau und Porzellanmalerei, die Eigenheiten eines Werkstoffs, der zugleich präzise und extrem fragil ist. „Porzellan verzeiht wenig und zwingt einen dazu, langsamer und genauer zu arbeiten.“ Ein typischer Arbeitstag wechselt fließend zwischen den Bereichen: Arbeiten kommen aus dem Ofen und müssen glasiert werden, Formen werden fertiggestellt, parallel entstehen Zeichnungen und Skizzen für Positive, aus denen später Gussformen entwickelt werden.
Schittko, 1987 in Hohenmölsen geboren, lebt in Frankfurt. Bekannt geworden ist er mit einem Werk, in dem zwei Medien immer wieder ineinandergreifen: Skulptur und Fotografie. Nach einer kaufmännischen Lehre – mit sechzehn, wie er erzählt, war er „Bankmensch“ – ging er über die Gutenbergschule an die Hochschule für Gestaltung Offenbach, ohne zunächst zu wissen, dass man Kunst überhaupt als Weg verstehen kann. „Ich dachte damals, wenn das jetzt fünf Jahre Kunst sind, dann habe ich wenigstens fünf Jahre Spaß.“ Aus den fünf Jahren sind inzwischen fünfzehn geworden. 2021 schloss er sein Studium mit Auszeichnung ab; früher schon war er für die Serie I have no idea how I could get that lost – Aokigahara, für die er den Wald am Fuß des Fuji bereiste, mit dem Förderpreis der Deutschen Börse Photography Foundation ausgezeichnet worden.
Wer Schittkos Werktisch betrachtet, erkennt rasch, wo dieses Wechselspiel zwischen Objekt und Bild heute steht. Aus industriell gefertigten Biedermeier-Porzellanfiguren, die er zerschlägt und neu zusammensetzt, entstehen Wesen, denen kleine Keramikmasken über die Köpfe gestülpt sind; nur die blau-weißen Gehröcke und blumigen Beinkleider verraten noch ihre Herkunft. Begonnen hat das ganz unspektakulär. „Ich hatte drei kleine Porzellanaffen und wollte ihnen eine Art Maske aufsetzen, weil sie so absurd aussahen“, erzählt der Künstler. Erst später entstand die Idee, Objekten nicht nur etwas hinzuzufügen, sondern diese zu zerstören, Teile auszutauschen und neu zusammenzufügen. Die Figuren stammten anfangs aus familiärem Besitz, später von Flohmärkten. „Kunst muss nicht immer ernst sein. Für mich ist das ein Beweis ihrer und auch meiner Freiheit.“ Was ihn bis heute interessiert, ist der Moment, in dem ein solcher Eingriff wieder Sinn ergibt – formal wie inhaltlich, im Spannungsfeld von Biedermeierästhetik, industrieller Produktion und einem fast spielerischen Umbau.
Diese Logik des Zerlegens und Wiederzusammensetzens hat eine längere Vorgeschichte. Im Werkensemble Die Feinde sind Geister steht die Porträtfotografie im Zentrum; teils nehmen die Modelle studienhafte Posen ein, teils begegnen sie der Kamera mit geheimnisvollen Blicken. Die Aufnahmen wirken spontan und verspielt, gerade wenn roher Ton ins Bild kommt. „Während der Session wurde viel gelacht, irgendwann haben wir mit dem Material um uns geschmissen und experimentiert“, erzählt Schittko. „So kam auch die Idee, den Ton mal komplett über den Kopf zu stülpen.“ Das Material erzeugt dort kein erkennbares Gesicht, sondern eine Verneinung, in der etwas Schöpferisch-Chaotisches liegt: Aus der teigigen Masse hätte durch wenige Handgriffe jede erdenkliche Identität hervorgehen können. Die so entstandenen Tonobjekte wurden anschließend gebrannt, glasiert und mit jenen Fotografien bedruckt, in denen sie zuvor selbst aufgetaucht waren – eine Rückkopplung, die Schittko einmal als „Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt“ beschrieben hat.
Der Aufenthalt in Istanbul hat diese Praxis nicht unterbrochen, sondern aufgeladen. Auf die queere Organisation Lambda Istanbul stieß Schittko, weil er im Stadtbild kaum noch die Orte und Zeichen fand, an die er sich aus früheren Besuchen erinnerte; über ein Queer-Talk-Event, an dem englischsprachige Queers teilnahmen, kam er regelmäßig zu Treffen der Organisation und aus den Begegnungen entstanden fotografische Porträts und Texte. Ein zentrales Motiv wurden die verschiebbaren Metallzäune im Stadtraum. „Besonders prägend wurde das an dem Tag der verbotenen Pride Parade, als ich bei Lambda Istanbul war“, erzählt er. „Die Polizei hatte die Zäune so verschoben und angeordnet, dass man die İstiklal Caddesi kaum noch betreten konnte.“ Wie beweglich diese Strukturen seien und wie schnell sich dadurch die Atmosphäre einer ganzen Stadt verändere – provisorisch und zugleich machtvoll –, habe sich ihm tief eingeprägt. In privaten Räumen erlebte er das Gegenteil: Intimität, Selbstinszenierung, Solidarität. In einer politisch repressiven Situation, so seine Beobachtung, werde Intimität selbst zu einer Form des Widerstands.
Aus diesem Spannungsverhältnis entstand die Publikation The Stories of Marmara, benannt nach dem Marmarameer und nach vielen kleinen Beobachtungen aus der Stadt; sie erschien im KRAUTin Verlag begleitend zur Ausstellung Kolay gelsin, abla, die im Sommer 2026 in der Frankfurter Galerie Heussenstamm zu sehen war. Der Titel bedeutet ungefähr „Möge dir die Arbeit leichtfallen, Schwester“; „abla“ heißt eigentlich „große Schwester“, wird in der queeren Szene aber als liebevolle Anrede und Codewort verwendet. Schittko hat das selbst erlebt: Als ein Barkeeper wissen wollte, ob er überhaupt wisse, was für eine Veranstaltung er da besuche, antwortete er „İyi akşamlar, abla“ – „Guten Abend, Schwester“. Genau diese Mischung aus Alltagssprache, Fürsorge, Humor und queerer Codierung interessiert ihn. Humor, sagt Schittko, könne ein Gespräch öffnen: „Eine Konversation kann ein Geschenk sein, das man sich gegenseitig macht, oder eben auch ein Stein, den man sich in den Weg legt.“
Dass diese Haltung mehr ist als ein privates Temperament, hat mit MARS zu tun. Den nicht-kommerziellen Projektraum betreibt Schittko gemeinsam mit Anna Nero und Marcel Walldorf ehrenamtlich; entstanden sind dort nicht nur konkrete Produktionsmöglichkeiten wie ein Keramikofen, sondern, wie Schittko sagt, „eine andere Form von Aufmerksamkeit und Sensibilisierung“. Stadtteilarbeit, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Unterstützung queerer Communities – das nicht erst seit Istanbul. „Ich glaube, ohne diesen Ort würde meine Arbeit vielleicht noch stärker um sich selbst kreisen.“
In seinem Atelier finden sich die Spuren dieser Verschränkung schon jetzt: Zeichnungen, die Schittko „Dshinns“ nennt, begleiten ihn seit Istanbul und tauchen nun in den Formen seiner Porzellanarbeiten wieder auf. Fertig ist davon noch wenig – die Prozesse in Höchst brauchen ihre Zeit. Was ihn dabei vor allem interessiert, ist das serielle Denken. „Normalerweise modelliere ich viele Dinge einzeln, aber durch Gussformen können identische keramische Arbeiten mehrfach entstehen.“ Die Zeit, die er mit dem Residenzstipendium der Hessischen Kulturstiftung in Istanbul verbracht hat, wirkt bis heute nach – „wie ein Nachglühen“, sagt Schittko. Ein Aufenthalt entfaltet seine eigentliche Kraft eben oft erst im Nachgang. Auf dem Werktisch warten die begonnenen Porzellanarbeiten darauf, dass sich entscheidet, was aus ihnen wird.